Der erste Stein

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Bildquelle: Knaus

Allgemeines:

Der erste Stein ist am 13.03.2017 bei Knaus als gebundenes Buch mit 640 Seiten erschienen. Carsten Jensen, gebürtiger Däne, ist ein in seinem Heimatland überaus anerkannter Autor. Bevor er das Buch Der erste Stein schrieb, war er mehrfach in Afghanistan.

Optisch spricht dieses Buch nicht jede Zielgruppe an, aber das will es auch gar nicht. Es ist auf der Suche nach Lesern, die sich bewusst mit der gewählten Thematik auseinander setzen wollen.

Inhalt:

„In einem Militärcamp in Afghanistan trifft ein Zug dänischer Soldaten ein, 24 Männer und die Soldatin Hannah unter Führung des charismatischen Rasmus Schrøder. Alle sind hochmotiviert, hervorragend ausgebildet und abenteuerhungrig. Doch die Tage fließen monoton dahin, bis durch eine Landmine zwei Männer sterben und eine sich immer schneller drehende Spirale der Gewalt in Gang setzt. Als schließlich Schrøder die Truppe verrät, gerät alles außer Kontrolle.“ (Quelle: Knaus)

Der Verlag schreibt: „Der große Antikriegsroman von einem der schärfsten Gegner des militärischen Engagements des Westens in Afghanistan.“ (Presseinformationen Knaus Verlag)

Meine Meinung:

Ich habe bereits sehr viele Bücher über  Kriege in Afghanistan gelesen, alle gingen tief unter die Haut. Das Buch von Carsten Jensen geht noch einen Schritt weiter. Vermutlich liegt es an der derzeitigen politischen Weltlage, den seit Jahren andauernden Kriegen um uns herum und an der ständigen Präsenz von Gräueltaten in allen Medien. Jensen schafft es, ohne Pathos, Schuldzuweisungen oder moralische Wertung, die Situation in Afghanistan bis ins Herz des Lesers dringen zu lassen. Das schafft er durch diese Art des Erzählens, die ich auch schon in Wir Ertrunkenen so bewundert habe.

Im Prolog heißt es:

„Ich gehe zwischen belegten und leeren Gräbern umher. Wer kontrolliert den Inhalt der Särge? Wer überprüft die Inschriften der Grabsteine? Wer waren sie, als sie lebten? Wer sind sie, wenn sie sterben?“

Dieser Prolog richtet sich aus meiner Sicht sowohl an Täter wie Opfer, an Schuldige, wie Unschuldige und ist gerade deshalb so wahr! Man kann aus diesem Buch unendlich viele Textstellen zitieren. Alle beschreiben die Realität und sind deshalb so beängstigend.

Zum Inhalt: Der 3. Zug der dänischen Armee erreicht Afghanistan. Im Camp befinden sich auch  Soldaten der britischen und amerikanischen Armee. Zunächst scheint alles ganz friedlich und fast harmonisch zu laufen. Man scherzt, geht seinen Interessen nach, die Verhandlungen mit den afghanischen Beamten verlaufen zufriedenstellend. Aber dann kippt alles unmerklich und nichts ist mehr wie es war. Jensen gibt einen Einblick in die Denkweisen und Handlungen der Soldaten, der Warlords, der kleinen afghanischen Politiker, der dänischen Öffentlichkeit, der ganz normalen Menschen in Afghanistan und Dänemark. Daraus entsteht für den Leser ein Bild mit vielen Facetten: Wer ist böse, wer gut? Man weiß es bald nicht mehr und ist fassungslos und verstört

Zu Beginn wird an die Soldaten folgende Ansage gemacht:

„Ihr seid Soldaten. Ihr gehört zur Gelben Zone, in der eure Herzen einhundert Mal pro Minute schlagen. Die Zone der Wachsamkeit. In der Roten Zone kämpft ihr um euer Leben. In der Grauen Zone habt ihr eine Mauer im Rücken. (…) In der Schwarzen Zone wartet die Panik.“ (S. 16)

Diese Zonen strukturieren das Buch und bilden gleichermaßen die Entwicklung der Handlung ab.

Die Zahl der Protagonisten ist groß, es ist schwierig zu entscheiden, welcher Charakter  bedeutsam ist, ständig ergeben sich neue Konstellationen – auch das ein Sinnbild für die Schrecken des Krieges.

Stellvertretend für die Protagonisten sei hier Ove Steffensen erwähnt, Oberkommandierender des 3. Zuges. Er versucht, sich in die Denkweise der Afghanen hineinzuversetzen. Mit viel Geschick und Geduld nimmt er Verhandlungen auf, überschreitet aber auch moralische und gesetzliche Grenzen – alles mit dem Ziel, ein bisschen mehr für Frieden zu sorgen. Er merkt aber mehr und mehr, dass ihm die Situationen entgleiten und er viele Dinge mitansehen und akzeptieren muss, auch wenn ihm das zutiefst widerstrebt. Er ekelt sich vor sich selbst, der Leser hingegen versteht seine Handlungsweisen sehr gut.

Fazit:

Jensen zeigt die Komplexität dieses Krieges – stellvertretend für alle Kriege – mit all seinen Grausamkeiten. Er zeigt, was Kriege mit Menschen machen. Ein großartiges Buch. Der Leser muss viel aushalten – und das ist gut so.

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